Ich saß heute im ungewohnt un-heimeligen Würzburger Hauptbahnhof, der im Vergleich zum als Beispiel genannten Nürnberger Bahnhof merkwürdig abweisend auf den Durchreisenden wirkt. Verärgerung provozierend sind die wannenartig gestalteten Sitzschalen, die es nicht erlauben, inklusiv Geldbörse in der Gesäßtasche bequem zu sitzen. Mit einem leichten Kopfschütteln wandert das viele Hartgeld und die Plastikkarten in ihrem Ledermantel also in die Jackentasche. So etwas kann wirklich nur von einem deutschen Ingenieur entworfen worden sein, der es schlicht und einfach versäumt hat, mit seinem dicken Popo inklusive gut gefüllter Geldbörse mal eine Sitzprobe gemacht zu haben. Soviel dazu.
Mein Hautpanliegen ist es diesmal, über die Bordzeitschrift „mobil“ zu berichten. Dies tat ich in der Vergangenheit ja durchaus angeregt positiv, ob der stellenweise abseitigen Themenwahl und der sympathischen Art, über diese Themen zu berichten. Nun stieß es mir schon bei einem der ersten Artikel sauer auf, dass dieser an Beliebigkeit und Banalität kaum Vergleiche zu scheuen braucht. Es berichtete eine Dame, deren Hauptlebensaufgabe mir schon wieder aus dem Sinn entfleucht ist. Jedenfalls fand sie Gefallen daran, alle möglichen Standardphrasen und Füllsätze über sich in diesem Blatt wiederzufinden und sparte auch nicht daran, zu beteuern, sie sei gläubig und würde auch oft beten, insbesondere und erwartungsgemäß, wenn es ihr schlecht ginge. Dazu trinkt sie (vom Autor, die Begebenheit eines tatsächlichen Interviews vermittelnd, als „lauwarm“ bezeichneten) Tee. Kurios wirkt dagegen der Halbsatz, ihre Familiengeschichte im früheren Ungarn wäre nicht erwähnenswert. Ich wette auf das Leben meiner Mutter, dass genau diese Familiengeschichte die 0815-Story vom Beten in Glanz und Gloria und vor allem Relevanz bei weitem überstrahlt hätte. Da prostituiert man sich schon medial für das Käseblatt der Bahn und möchte dann nicht mit der erzählenswertesten Geschichte aufwarten – wozu dann überhaupt die ganze Mühe?! Jetzt fällt mir dagegen wieder ein, was diese Dame zu ihrem Lebensinhalt erklärt hatte: Die Anfertigung von Dirndl in ungewohnten Farben und mit ungewöhnlichen Namen , die ihr – wie progressiv und beneidenswert – auf ihren vielen Fernreisen (Biarritz, Sylt) einfallen und die sie dann schöpferisch in kreischbunten Kleidern verarbeitet. Die gute Dame hätte beim persönlichen Tiefgang des Artikels wohl genausogut professionelle Brötchenschmiererin oder freizeitmäßige Garagen-Kartoffelverkäuferin sein können, aber diese Menschen werden wohl nicht in „mobil“ redaktionell verewigt.
Die Bordzeitschrift als solches ist sowieso ein komisches Medienformat, auch im Flugzeug ist der Leserkreis ja regelmäßig mindestens eine Stunde zu unterhalten. Die Lufthansa kann in jedem ihrer Bordmagazine erschöpfend über die technischen Raffinessen ihrer Flugzeugflotte reden, während die seit gefühlten 10 Jahren nicht erneuerten Züge wohl nicht mal den am Bahnverkehr interessiertesten Fünfjährigen zu Begeisterungsstürmen hinreißen können. Obwohl man aber die Reisenden nun für längere Zeit zum Lesen zwingen könnte, hat man sich in der Bordmagazinwelt wohl darauf verständigt, die einfachsten und anspruchslosesten Formulierungen in 10 Absätzen umfassenden Pseudoartikeln unterzubringen, gespickt mit Hinweisen aufs Bordmenü, Bordradioprogramm und die mittlerweile obligatorische Hetzschrift gegen das jeweils andere Verkehrsmittel, deren Betreibern man Küngelei mit der großen Politik und daraus entstehende Steuervorteile vorwirft, die ja unsozial wären und den „Standort Deutschland“ schwächten.
Ein durchaus berichtenswerter Artikel befindet dagegen sich im Abschnitt „business“ und erzählt die Geschichte des Fischstäbchens, das es wohl seit 1955 gibt. Neben offenkundig platzierter Werbung für iglo bemerkt der Autor treffend, Fischstäbchen seien wohl ein exklusiv auf Kinder zugeschnittenes Gericht. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, aber man stelle sich mal die „Junggesellenwohnung“ eines 38-Jährigen vor: Ohne Raviolidosen auf dem Küchenschrank und einem entsprechenden Fischstäbchenvorrat im Tiefkühlfach ist das unmöglich. Junggesellenvollprofiexperten sollen es wohl fertigbringen, die Ravioli und Fischstäbchen zu einer unheimlich klebrigen Pampe zu verbrämen, wenn der Kummer besonders groß oder die geliebte Frau Mama weit weg (evtl. schon 1,50m tiefer) ist. Fischstäbchen sind demnach mit Erreichen des vierzehnten Lebensjahres als Verliereressen gebrandmarkt und können danach nur mit allergrößtem Schamgefühl hinter zugezogenen Küchenvorhängen in einer kleinen Teflonpfanne mit ein wenig Fett zubereitet werden. Wer würde schon in kleinem Kreise angeregt von seiner letzten Odyssee beim Fischstäbchenbraten berichten, als diese außen braun und innen noch gefroren waren? In solchen Kreisen diskutiert man lieber das neue Olivenöl, das bei Aldi im Angebot ist und für Eingeweihte ein echter Geheimtipp sein soll, zumal es ja vom großen Markenhersteller XYZ käme etc. Dann lacht man angeregt, schmunzelt über den zurückgebliebenen Bekannten, der mit seinen 38 Jahren immer noch Fischstäbchen in seiner „Junggesellenbude“ zubereitet und ist froh, gehen zu können, bevor das Gespräch auf die Boulevardsendung kommt, die natürlich niemand am Abend zuvor gesehen hat, es lief ja schließlich bei den Privaten.