08
Nov
09

traumberuf toilettenpapieringenieur

Neulich saß ich auf meiner unangenehm kühlen Klobrille, und wie mir mein Hirn so manchen Streich spielt, sah ich die Muster und Zeichen auf meinem Toilettenpapier in neuem Licht: In naiven Formen sind dort Wolken, Sonnen und Vögel angedeutet, alles in einem leichten Blau-Ton. Mit etwas Betrachtungsabstand mag man nun laut rufen wollen: „Wolken auf Klopapier! Wer braucht denn sowas?“ Wenigstens der Toilettenpapieringenieur braucht diese Aufdrucke, weil er sonst mit leerer Lohntüte nach Feierabend in sein Reihenendhaus heimkehren würde. Die Liebe des Deutschen zu seiner Scheiße wurde hier bestimmt schonmal angesprochen und wenn nicht, tue ich dies auf Nachfrage explizit und ausführlich. Es verwundert mich folglich nicht, dass insbesondere das Toilettenpapier der Discounter bedruckt ist, gern gekauft werden auch eher maritime Muster wie Korallen, Muscheln etc. Diese nur unnötig den Preis erhöhende Eigenschaft des Discounter-Toilettenpapiers steht in Übereinstimmung mit der Liebe der Unter- bis Mittelschicht für Ornamentik in Alltagsgegenständen: Platzdeckchen, Wischtechnik, bedrucktes Toilettenpapier. Man stelle sich diese Art von Toilettenpapier mal zwischen Designer-Badmöbel vor, die durch ihre unbequemen Formen und kalte Materialien das genaue Gegenteil der herzerwärmenden Toilettenpapieraufdrucke sind. Premium-Toilettenpapier ist folglich unbedruckt und diese eigentlich preissenkende Eigenschaft wird dann als luxuriös und einen höheren Preis rechtfertigend verkauft. Da waren sicher wieder BWLer am Werk!

19
Okt
09

Wie ich einmal fast eine Flasche Chateau Margaux fallen ließ…

Was nun folgt, ist eine Geschichte von unvergleichlicher Dekadenz und sozialschichtinadäquatem Besitz von teuren Tropfen. Ich pendele seit neuestem ja nicht nur zwischen Ingolstadt und daheim, sondern mache gelegentliche Abstecher ins Kuhdorf Kronberg. Nun wohnt dort seit jeher die Geldelite des Großraums Frankfurt und ich kam nicht umhin, von der Aura der Schönen und Reichen zu kosten, als ich eines schönen Samstages meine Freundin „groß“ in die Esslinger Straße 7 ausführen wollte und wie man es als guter Gast so macht, beschlossen wir, unsere Getränke selbst mitzubringen. Im Vorfeld war also zu bestimmen, welcher Wein es werden sollte. Ein kurzer Griff ins Weinregal (das sich, gewollt ungewollt, in einem einfachen Küchenschrank befindet) brachte tatsächlich eine Flasche 2001er Chateau Margaux zum Vorschein, den meine Freundin als Gastgeschenk mitnehmen wollte. Nun fiel mir wieder der Ausspruch von Harald Schmidt ein, der zum Sendestart seiner Show bei der ARD vermeldete, von nun an würde in den Redaktionskonferenzen nur mehr ebendieser Wein verkostet, was ein schmutziger Witz angesichts der oft vorgeworfenen Gebührenverschwendung ist. Diese Flasche in meiner Hand schien also einen gewissen Wert zu haben. Kurze Internetrecherche brachte einen Spielraum von etwa 150-200 Euro zu Tage, auf den ein solcher Jahrgang taxiert wird. Auf diesen wohligen Schock wollten wir erst die Flasche 2002er Chateau Haut-Brion konsumieren, die direkt daneben stand, aber auch für dieses Erzeugnis scheinen  manche Menschen bereit, 150 Euro hinzulegen. Die Weinverkostung wurde daraufhin vertagt, die teuren Flaschen ganz nach hinten zu den verschiedenen Gewürzen und angebrochenen Packungen Mehl in den Küchenschrank gestellt, wo sie jetzt auf den bestbezahlenden Käufer oder die richtige Trinkgelegenheit warten – bei allem Respekt vor den Errungenschaften der WG in der Esslinger Straße erschien es uns falsch, diese Anlagegüter dort leichtfertig auszuschenken.
Um zum Anfang meines Beitrages zurückzukommen und den Kreis zu Kronberg zu schließen, muss gesagt sein, dass es sich bei den beiden Flaschen um ein Nikolausgeschenk handelt. In den falschen Gaumen entfaltet so ein Wein natürlich nicht seine Wirkung, denn wer so viel Geld für vergorenen Traubensaft ausgibt, der  hat den Schuss nicht gehört. Das sind ja absolute Puff-Preise.
Zum Thema Puff lief neulich auch eine tolle Spiegel-TV-Reportage über den Hamburger Kiez. Claude-Oliver Rudolph gab im besten Hamburger Dialekt folgende Geschichte zum besten: Er beobachtete als junger Mann zwei stereotype Luden, die, nachdem sie ihre fetten Mercedes-Cabrios im absoluten Halteverbot geparkt hatten, in einem Cafe Frühstück zu sich nahmen, und zwar in einer alles einsauenden Art und Weise. Es dauerte nicht lange, bevor ein Hilfspolizist die beiden auf ihr Vergehen aufmerksam machte. Daraufhin meinte Lude 1 „Der Wagen wurde grade saubergemacht, ich habe fettige Finger, werde ihn nicht wegfahren, was kostet das?“, der Hipo stotterte „20 Mark“, der Lude gab ihm 50 und fuhr mit dem Frühstück fort. Nur solche Leute würden auch Wein für 150 Euro trinken!

30
Sep
09

in zügen schreibe ich die besten artikel

Ich saß heute im ungewohnt un-heimeligen Würzburger Hauptbahnhof, der im Vergleich zum als Beispiel genannten Nürnberger Bahnhof merkwürdig abweisend auf den Durchreisenden wirkt. Verärgerung provozierend sind die wannenartig gestalteten Sitzschalen, die es nicht erlauben, inklusiv Geldbörse in der Gesäßtasche bequem zu sitzen. Mit einem leichten Kopfschütteln wandert das viele Hartgeld und die Plastikkarten in ihrem Ledermantel also in die Jackentasche. So etwas kann wirklich nur von einem deutschen Ingenieur entworfen worden sein, der es schlicht und einfach versäumt hat, mit seinem dicken Popo inklusive gut gefüllter Geldbörse mal eine Sitzprobe gemacht zu haben. Soviel dazu.

Mein Hautpanliegen ist es diesmal, über die Bordzeitschrift „mobil“ zu berichten. Dies tat ich in der Vergangenheit ja durchaus angeregt positiv, ob der stellenweise abseitigen Themenwahl und der sympathischen Art, über diese Themen zu berichten. Nun stieß es mir schon bei einem der ersten Artikel sauer auf, dass dieser an Beliebigkeit und Banalität kaum Vergleiche zu scheuen braucht. Es berichtete eine Dame, deren Hauptlebensaufgabe mir schon wieder aus dem Sinn entfleucht ist. Jedenfalls fand sie Gefallen daran, alle möglichen Standardphrasen und Füllsätze über sich in diesem Blatt wiederzufinden und sparte auch nicht daran, zu beteuern, sie sei gläubig und würde auch oft beten, insbesondere und erwartungsgemäß, wenn es ihr schlecht ginge. Dazu trinkt sie (vom Autor, die Begebenheit eines tatsächlichen Interviews vermittelnd, als „lauwarm“ bezeichneten) Tee. Kurios wirkt dagegen der Halbsatz, ihre Familiengeschichte im früheren Ungarn wäre nicht erwähnenswert. Ich wette auf das Leben meiner Mutter, dass genau diese Familiengeschichte die 0815-Story vom Beten in Glanz und Gloria und vor allem Relevanz bei weitem überstrahlt hätte. Da prostituiert man sich schon medial für das Käseblatt der Bahn und möchte dann nicht mit der erzählenswertesten Geschichte aufwarten – wozu dann überhaupt die ganze Mühe?! Jetzt fällt mir dagegen wieder ein, was diese Dame zu ihrem Lebensinhalt erklärt hatte: Die Anfertigung von Dirndl in ungewohnten Farben und mit ungewöhnlichen Namen , die ihr – wie progressiv und beneidenswert – auf ihren vielen Fernreisen (Biarritz, Sylt) einfallen und die sie dann schöpferisch in kreischbunten Kleidern verarbeitet. Die gute Dame hätte beim persönlichen Tiefgang des Artikels wohl genausogut professionelle Brötchenschmiererin oder freizeitmäßige Garagen-Kartoffelverkäuferin sein können, aber diese Menschen werden wohl nicht in „mobil“ redaktionell verewigt.

Die Bordzeitschrift als solches ist sowieso ein komisches Medienformat, auch im Flugzeug ist der Leserkreis ja regelmäßig mindestens eine Stunde zu unterhalten. Die Lufthansa kann in jedem ihrer Bordmagazine erschöpfend über die technischen Raffinessen ihrer Flugzeugflotte reden, während die seit gefühlten 10 Jahren nicht erneuerten Züge wohl nicht mal den am Bahnverkehr interessiertesten Fünfjährigen zu Begeisterungsstürmen hinreißen  können. Obwohl man aber die Reisenden nun für längere Zeit zum Lesen zwingen könnte, hat man sich in der Bordmagazinwelt wohl darauf verständigt, die einfachsten und anspruchslosesten Formulierungen in 10 Absätzen umfassenden Pseudoartikeln unterzubringen, gespickt mit Hinweisen aufs Bordmenü, Bordradioprogramm und die mittlerweile obligatorische Hetzschrift gegen das jeweils andere Verkehrsmittel, deren Betreibern man Küngelei mit der großen Politik und daraus entstehende Steuervorteile vorwirft, die ja unsozial wären und den „Standort Deutschland“ schwächten.

Ein durchaus berichtenswerter Artikel befindet dagegen sich im Abschnitt „business“ und erzählt die Geschichte des Fischstäbchens, das es wohl seit 1955 gibt. Neben offenkundig platzierter Werbung für iglo bemerkt der Autor treffend, Fischstäbchen seien wohl ein exklusiv auf Kinder zugeschnittenes Gericht. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, aber man stelle sich mal die „Junggesellenwohnung“ eines 38-Jährigen vor: Ohne Raviolidosen auf dem Küchenschrank und einem entsprechenden Fischstäbchenvorrat im Tiefkühlfach ist das unmöglich. Junggesellenvollprofiexperten sollen es wohl fertigbringen, die Ravioli und Fischstäbchen zu einer unheimlich klebrigen Pampe zu verbrämen, wenn der Kummer besonders groß oder die geliebte Frau Mama weit weg (evtl. schon 1,50m tiefer) ist. Fischstäbchen sind demnach mit Erreichen des vierzehnten Lebensjahres als Verliereressen gebrandmarkt und können danach nur mit allergrößtem Schamgefühl hinter zugezogenen Küchenvorhängen in einer kleinen Teflonpfanne mit ein wenig Fett zubereitet werden. Wer würde schon in kleinem Kreise angeregt von seiner letzten Odyssee beim Fischstäbchenbraten berichten, als diese außen braun und innen noch gefroren waren? In solchen Kreisen diskutiert man lieber das neue Olivenöl, das bei Aldi im Angebot ist und für Eingeweihte ein echter Geheimtipp sein soll, zumal es ja vom großen Markenhersteller XYZ käme etc. Dann lacht man angeregt, schmunzelt über den zurückgebliebenen Bekannten, der mit seinen 38 Jahren immer noch Fischstäbchen in seiner „Junggesellenbude“ zubereitet und ist froh, gehen zu können, bevor das Gespräch auf die Boulevardsendung kommt, die natürlich niemand am Abend zuvor gesehen hat, es lief ja schließlich bei den Privaten.

29
Sep
09

frei wie ein vogel…

… aber nicht vogelfrei, so fühle ich mich nach meinem Entschluss, jetzt doch keine Klausuren auf den zweiten Termin zu schreiben. Im Umkehrschluss heißt das die totale Langeweile, gäbe es nicht McFit, DHL und Erasmus-Studenten. Meine Amazonbestellung (30 Jahre Titanic, zwei Max Goldt-Bücher und der „Letzte Lude“ auf DVD) wurde heute morgen nämlich schon um 8.23h angeliefert (und das mit Standardversand!). Als leistungsorientierter Mitbürger hatte ich da natürlich schon 10km Gewaltjogging absolviert und 4 Espresso gekippt… NOT. Jedenfalls bestand dann mein übriger Tagesablauf daraus, mit besagtem Erasmus-Student (geboren in Holland, lebt in Genf, studiert in London) zum Bürgeramt zu dackeln und ihn (und mich auch) in Ingolstadt anzumelden. Nun bin ich ja eigentlich nicht so ein altruistischer Typ, und er hätte das sicherlich auch selbst hinbekommen, schließlich spricht er auch deutsch, aber was solls, dacht ich mir, geschenkt, wenigstens mal was anderes. Letztendlich dauerte es länger, dem jungen Herren ein Prepaid-Telefon zu besorgen als ihn in Deutschland anzumelden, was ja viel sagt über die Serviceorientierung von Mobilfunkprovidern im Allgemeinen und deutschen Behörden im Speziellen. Nach einem wohlverdienten Fleischkässemmel vom Walk sitze ich jetzt wieder in meiner Butze und harre der Dinge, die da noch so kommen. Genug Lesestoff habe ich jetzt ja, und das Titanicbuch ist wirklich klasse, viele bunte Bilder, gebunden für 25€ im Großformat.

26
Sep
09

zurück in ingolstadt

Mittlerweile wohne ich schon wieder seit 2 Tagen im schönen, weil problemfreien Ingolstadt, siehe auch hier: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,647872,00.html. Begrüßt wird man hier ja regelmäßig von gutem Wetter, und wie sollte es auch anders sein: Scheiße heiß ist es hier immer noch. Nun wohnte ich ja vor meiner kleinen Reise durch die Welt im Wohnheim in der Beckerstraße in einem kleinen Loft unterm Dach, und der Gnade des Studentenwerkes habe ich es jetzt zu verdanken, in einem zweistöckigen Appartement in der Münzbergstraße zu residieren. Das heißt für mich, jeden Tag mindestens einmal eine Treppe hoch- und runterzulaufen, da sich Bad und Küche im Erdgeschoss befinden, während das Gemach im oberen Teil des Etablissements eingerichtet ist. Alles in allem ein ganz guter Deal, zumal die Miete um 10% niedriger als in der Kernstadt liegt und es zur Uni etwas kürzer ist. Um diesen und andere Wege noch weiter zu verkürzen, zog ich heute morgen los, ein Fahrrad beim allmonatlichen Flohmarkt am Radhaus zu erstehen: Es ist ein in geschmackvollem lila-türkis gehaltenes Herrenrad von Schauff geworden, was mich nach etwas handeln (hier wandte ich die von den RTL-Autohändlern erlernten Strategien an) relativ günstige 75€ kostete. Insofern bin ich nun also wieder mobil, was ich gleich zum Anlass nahm, dem geliebten McFit einen Besuch abzustatten. Zwischenzeitlich habe ich wohl 3kg an Masse verloren, da die Waage schwächliche 80kg zeigte – in ein paar Wochen sollte ich wieder auf meinem „Wohlfühlgewicht“ von 83-84kg angekommen sein. Nach gefühlten 15 Minuten Bizeps- und Trizeps-Training und ein paar anderen Übungen verließ ich die Einrichtung wieder gen Stadt, wo ich noch unbedingt ein wichtiges Schriftstück an die Deutsche Bank richten musste. Nun hat selbst die Post in dieser relativ großen Stadt Samstags schon um 13 Uhr zu, und ich, ohne nennenswert Bargeld dabei zu haben, sah mich vor dem Problem, keine Briefmarke ziehen zu können. Somit benutzte ich das erste Mal in meinem Leben die Geldkartenfunktion meiner Sparkassen-EC-Karte (im übrigen ist meine gute DKB-Kreditkarte in der dortigen Zweigstelle ohne Funktion, sehr ärgerlich!) und kam doch noch zur 1,45€-Wertmarke. Dann noch die Wochenendverpflegung erstanden (Nudeln und Tomatensoße, 1kg Weintrauben) und schon war ich wieder zurück in der Münzbergstraße. Anbei noch ein paar Bilder von meiner neuen Wohnung – sehr wohnlich ist es noch nicht, aber ich ja auch nicht für den Spaß hier.

19
Sep
09

trinkhalle

Mein Praktikum bei AirPlus ist vorüber, und ohne mich bei durchaus (positiv) berichtenswerten Business-Einzelheiten aufzuhalten, möchte ich über den klassischen Abschiedsumtrunk im engen Kollegenkreis berichten, der sich am Donnerstag, dem Tag vor meinem Abschied, abspielte. Mein werter Praktikumskollege, Mentor, Visionär und Kosmopolit F. B. brachte mich durch seine unheimlich imposante, „straßen“verbundene Sprechart auf die Idee, mit atavistischen Konventionen zu brechen und die dem Volk in Frankfurt inhärente Disposition für im Stadtkern befindliche Treffpunkte names „Trinkhallen“ im empirischen Experiment versuchen zu validieren. Ein 0.5er Binding für 1,30€ ist wohl unschlagbar günstig, und die exponierte Lage zwischen zwei Einfallstraßen auf Höhe, dennoch etwas südlich der Haltestelle Frankfurt Süd, machte es uns leicht, die um uns pulsierende Stadt besser kennenzulernen und die Geschehnisse dementsprechend zu kommentieren. Unter anderem diese Kommentare, wild gestikulierend in blumigen Worten vorgetragen, erregten wohl den Groll eines zufällig vorbei kommenden Rentners, der sich wohl in ausreichender Entfernung wähnte, als er uns unmissverständlich als „Gesocks“ bezeichnete. Dies mag im Angesicht einer Goldpfeil-Tasche, die um meine Schulter baumelte und unseres dem Etablissement nicht zwingend adäquaten Kleidungsstils eine ironische Überhöhung gewesen sein, erwartete der junge Herr doch wohl versoffene Jogginghosenträger zu so später Stunde (immerhin war es schon nach Feierabend). Nun, da sich die Beleidigung auf diesen Term beschränkte, sahen wir uns nicht gezwungen, weitere Maßnahmen zu ergreifen, insbesondere, weil durch den Kauf eines Speiseeises (Magnum weiß) durch den Rentner die Xenophobie des (wohl?) Ureinwohners offenkundig wurde: Wir waren in sein natürliches Habitat eingedrungen, auf der Suche nach dem letzten Kick. In Anbetracht der Evidenzlage von Gewalttaten gegen aufrechte junge Männer in letzter Zeit zogen wir uns schnell zurück, um die Furie, die in jedem deutschen Rentner auf ihren Ausbruch wartet, nicht weiter durch unsere pure Anwesenheit zu provozieren.

06
Sep
09

idiotenfernsehen, teil x

Man sollte ja vor allem während des Sommers nicht den Fernseher anschalten, weil eh nur Schmutz kommt. Diese schon von Bauer Schmidt 1951 in Riedstadt-Goddelau kolportierte Weisheit bewahrheitet sich auch im „Kultursommer 2009″, wie man so gerne beiläufig sagt, beim Anblick des Fernsehprogrammes. Sonntagabend programmieren die Privaten ja gerne die allergrößte Scheiße, um die Zellhaufen, die nicht beim Ersten und der Amateursoap „Lindenstraße“ hängenbleiben, bei der Stange zu halten. In der Vergangenheit gab es da Juwelen wie „Bauer sucht Frau“ oder irgendwelche Reportagen über den Lebensstil naiver Neureicher in fernen Länder zu sehen, heute war dann „Schwiegertochter gesucht“ angesagt, und es setzt die RTL-Tradition fort, in den Help-Pseudo-Dokumentationen das immergleiche Muster abzuspulen: Willkürliche und wenigstens kuriose Bezeichnung der „Kandidaten“ (z.B. „der einsame Hobbytänzer“, „der sensible Katzenfreund“) und eine immerzu wohlwollende Kommentierung des Geschehens vom Talkshowkampfschiff Vera Int-Veen, die hier die dickliche Liebes-Fee spielt. So richtig gut ist bei diesem Format nun, dass RTL voll den Altenbonus ausspielen kann, die Eltern der Kandidaten sind so herzlich tatterig und haben die schönsten Platzdeckchen im ganzen Ruhrgebiet! Das will die Zielgruppe 16-49 sicherlich sehen: „Die scheiß Alten, sollen mal abkratzen, wie soll bei den ganzen Rentenzahlungen noch mein Hartz 4 bezahlt werden?!“ fragt sich der arbeitslose Erntehelfer Maurice Koswiak in Schwerin, bevor er zum Abendprogramm (Xbox spielen, Puffbesuch) übergeht. Und ich kann da nur mit einstimmen – alte und hässliche Menschen gehören nicht ins Fernsehen, da kann ich auch in den Spiegel schauen! Und so verwundert es nicht, wenn der 40-jährige Sohn es vorzieht, die Nacht zusammen mit der siebzigjährigen Mutter in einem Bett zu verbringen (und sein lt. Off-Kommentar „liebevoll eingerichtetes Zimmer“ herzugeben), anstatt diese für sozial kompetente Menschen wohl unsäglich unangenehme Situation anders lösen zu wollen.

Gleichzeitig sendet RTL aber auch Premium-Formate wie „Die Autohändler“, die, wenn sie auch selbstironischer sein könnten, den absolut überzogenen Charakter der von vorne bis hinten geskripteten Sendung gut kommunizieren. Im Endeffekt zeigen die Beziehungs-Help-Shows genau die gleichen Freaks, nur ohne tuntige Outfits und Kraftausdrücke. Das Potential ist also da, auch das dümmste Format so auszugestalten, dass es auch von denen, die in der IQ-Verteilungskurve auf der rechten Seite anzusiedeln sind, angeschaut werden kann. Hier fischt RTL also bei den Dümmsten der Dummen, ist deswegen also gleichzusetzen mit der Spaßpartei FDP oder „Meistersinger“ Mickie Krause (äquivalent J. Drews).

02
Aug
09

in gedenken an einen guten freund

Während ich bequem in meinem Bett liege und bei lauer Abendluft diesen weiteren Erguss meiner literarischen Kapazität fabriziere, sitzt ein guter Freund nun wahrscheinlich mitten in Polen im Bus und versucht, seine Beine mit einem zweiten Knie auszustatten, um die restlichen 16 Stunden noch halbwegs lauschig gestalten zu können. Nun ist es dem Mensch unmöglich, sich ein zweites Knie wachsen zu lassen, und schaut man sich in der Fauna um, hatte Gott für wohl kein Lebewesen einen Sitzabstand von 60cm im Sinn, denn die dreigliedrige Teilung des Beine erscheint selbst für die absurdesten Geschöpfe auf der Erde absolut sinnlos. Der Mensch umging dieses Problem, indem er zwar nicht den Raum schuf, doch aber die Zeit von Langstreckenreisen dahingehend verkürzte, dass man gewillt ist, für Strecken jenseits der 600km das Stahlungetüm namens Flugzeug zu besteigen. Da soviel Genialität seinen Preis hat und unser Freund vom Anfang chronisch illiquide ist, nahm er dies zum Anlass, „die paar“ Kilometer nach Klaipeda ganz proletarisch in einem Bus zu verbringen. Hier mag man ihm eine politische Agenda vorwerfen, insofern, als dass die gewollte Nähe zum „Flugzeug des kleinen Mannes“ bei der nächsten Ortsvorstandswahl, auch aus Mitleid, einige Stimmen bringen wird, aber was zählt dieser Komfortverzicht schon in Zeiten von Ferienbombern nach Mallorca (diese Begrifflichkeit mag nach den jüngsten Aktivitäten der ETA einiges an Charme für die gleichgeschaltete Springer-Presse verloren haben). Um es kurz zu machen: Simon hat die heimischen Gefilde verlassen, um es dem Denker, Visionär und Schreiber dieses Blogs gleichzutun und nicht eins, sondern gleich zwei Semester in Litauen zu verbringen. Nach der Abschiedsparty am Freitag trug ich den gesamten Samstag einen unglaublich „dicken Kopf“ mit mir herum, der wohl dem gleichzeitigen Genuss von gutem barrique-gereiften Wein und 3 Hefe-Weizen geschuldet war, jedenfalls konnte mich auch nicht mein Frühstück, die 99 ct-Rindswurst vorm EinsA, befriedigen. In Anbetracht dieser Tatsache, habe ich mir nach einem kurzen Abstecher zum Marktplatzfest den Film „The Hangover“ angeschaut, eine typische „Bromance“, die von ihren naturgemäß zotigen Witzen lebt und genau auf meiner Humor-Ebene liegt: „See, it’s funny cause he’s fat“.
Weiterhin wurde am Freitag an mich herangetragen, ich würde absichtlich hochtrabenden Mist lesen, was ich nur energisch bestreiten kann, zumal mir daraufhin ein Buch nahegelegt wurde, das laut Amazon-Rezension das Problem des unnötig Prätentiösen auf die Spitze treibt. Ein des Titels ist „calamity physics“, der Rest ist mir schon wieder entfallen. Jedenfalls wäre das ja den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und so bleibe ich bis auf weiteres beim Päderasten Thomas Mann. Habe auch gar nicht die intellektuelle Möglichkeit, zu meinen drei parallel gelesenen Büchern noch eins aufzunehmen, bin ich doch bekannt für meine Aufmerksamkeitsspanne, die irgendwo zwischen einem Kaninchen und Dominik Hasek liegen dürfte.

23
Jul
09

herdenverhalten

Ein possierliches Bild spielt sich in letzter Zeit jeden Morgen am Bad Nauheimer Bahnhof ab: Da der Bahnsteig saniert wird und nur zur Hälfte einen Ein- und Ausstieg ermöglicht, halten manche Züge (genauer gesagt zwei an der Zahl) nicht am gewohnten Bahnsteig 1, sondern weichen auf den Zweiten aus. Dies betrifft unter anderem den Regionalexpress um 7.38 Uhr, den auch der Verfasser dieser Zeilen regelmäßig frühmorgens zu besteigen pflegt. Nun ist es so, dass der Umstand des Gleiswechsels auch durch einen zugegebenermaßen leicht übersehbaren Aushang im Bahnhofsgebäude bekannt gemacht wurde, doch zeigt die Vehemenz der Ignoranz auf Seiten der gut 50 Wartenden auf Gleis 1 den dem deutschen Volk im Großen und Ganzen so inhärenten Herdentrieb. Der Mensch als solches hat nun seit gut 100 Millionen Jahren auf diesem Planeten Zeit gehabt, seine Überlebensaussichten durch das Erkennen von Mustern in den Verhaltensweisen seiner Umwelt zu steigern, und doch wirft ein einfacher Gleiswechsel die Lebenskonzeptionen dieser Zellhaufen durcheinander. Natürlich ist nicht sofort ersichtlich, warum, wenn überhaupt, nur zwei Züge pro Tag nicht an dem gekürzten Gleisabschnitt halten können, doch versteht sich der verständige Mensch darauf, abzuleiten, dass dies wohl mit der Länge ebendieser Züge zu tun haben könnte, und so bestätigte es mir auch ein sachkundiger Mitarbeiter der Bahn, dass genau dies der Fall sei und eine zufällige Regelung hingegen geradezu abwegig wäre. Das heißt also, dass trotz vereinzelt Wartender an Gleis 2 auf Gleis 1 bis 7.35h gewartet wird, bis die scheppernde Durchsage kommt, dass der Zug auf Gleis 2 abfahre. Unter bedauerndem Kopfschütteln meinerseits wackeln dann 50 Männeken extern geleitet die Treppe hinunter und wieder hinauf, anstatt sich diese Anstrengung zu ersparen und direkt an Gleis 2 zu warten. Ich freue mich schon auf den Morgen des 9. August (dann nämlich wird diese Regelung aufgehoben), wenn sich dann mittlerweile das Gros der Wartenden direkt an Gleis 2 einfindet, nur um dann den wieder normal verkehrenden Zug an Gleis 1 zu verpassen. Man wird mit bebender Stimme und Brust gegen die Inkompetenz der Bahn wettern, wenn doch dieser kleine Lebenstest über die letzten drei Woche gezeigt hat, wer den Anforderungen des harten industrialisierten Alltags gewachsen ist und wer nicht.

14
Jul
09

recently read: Bright Lights, Big City

Teilweise von den den Amazon Kauf-Empfehlungen draufgehoben, teilweise auch im Dunstkreis von Ellis (der Autor tritt später noch in „Lunar Park“ in einer Nebenrolle auf) mitbekommen: Vor einigen Tagen trudelte der auf den ersten Blick enttäuschend dünne (~180 Seiten) Durchbruch von Ian McInerney auf meinem Bücherregal ein, und ganz im Unterschied zu Ellis präsentiert McInerney hier einen Charakter, der durch den Kunstgriff der Erzählung in der zweiten Person eine unmittelbare Verbindung im Leser hervorruft. Man durchlebt also eine kurze Zeit im Leben eines New Yorker Redaktionsmitarbeiter (im Fact Verification Department eines namenlosen großen Magazins angestellt), und diese Zeit ist nur oberflächlich außergewöhnlich, der Protagonist selbst ist im Innern mehr ein Spießer denn ein Draufgänger, sämtliche Kollegen, mit denen er interagiert, sind nett und zuvorkommend, geben ihm Halt nach seiner Entlassung. Den Kern der Geschichte bildet aber der Krebstod seiner Mutter,  der erst in den letzten Seiten explizit zur Sprache kommt, dem aufmerksamen Leser aber schon vorher auffallen hätte müssen. Aus einer intakten Familie stammend, ist er kurz nach dem Tod seiner Mutter nach New York gezogen und sieht sich jetzt den Vorwürfen seines Bruders ausgesetzt. In der Retrospektive wird klar, dass die an einem Karzinom leidende Mutter in den Armen des Protagonisten gestorben ist, und er diesen Verlust durch eine überstürzte Heirat mit einem Mädchen vom Lande, das in New York zum Model avancierte, auszugleichen versuchte. Im Prinzip also ein klassischer Verlustkomplex, und die drumherum stattfindende Handlung mit exzessiven Parties und Drogentrips wirkt und ist beliebig und unauthentisch. Man mag das dem in den 80ern allgemein vorherrschenden Trend, Models & Bottles literarisch zu verarbeiten, zuschreiben, oder es als Stilmittel des Autors ansehen, aber gerade die von Zeit zu Zeit Kokain-Sessions wirken aufgesetzt und für die Erklärung des Charakters unnötig.